Ich, das Naivchen

Mannmann hat ein Hobby. Dieses nennt sich „Tucktuck verarschen“. Tucktuck – das bin ich. Und ich lasse mich immer sehr gut verarschen.

Wenn Mannmann mir Dinge erklärt, dann glaube ich ihm das. Jedes einzelne Wort. Mir kommt nicht mal in den Sinn, dass er gerade lügt. Höchstens, dass er sich irrt – das kommt aber nur dann vor, wenn ich es mal besser weiß. Darum sucht sich Mannmann immer Themen aus, wo das definitiv nicht der Fall ist. Und ehrlich: da hat er VIEL Auswahl, denn mit meiner Allgemeinbildung ist es nicht weit und die, die ich hab, konzentriert sich auf die wenigen Dinge, die mich mal interessieren.

Ein genaues Beispiel kann ich nun nicht nennen, aber nehmen wir mal ein Beispielbeispiel.
Mannmann erklärt mir, dass Bäume verkehrt herum wachsen. Also die Krone eigentlich die Wurzel und die Wurzel eigentlich die Krone ist. Da ich es hier eigentlich besser weiß, würde ich darauf nicht hereinfallen, aber nehmen wir mal an, dass ich noch NIE einen Baum gesehen habe. In meinem ganzen Leben nicht. Und auch andere baumähnliche Konstrukte – wie Blumen, Sträucher und anderes Gebüsch – sind mir vollkommen fremd.
Mannmann würde erklären, dass die Wurzeln oben sind, weil ein Baum hauptsächlich von Sonne und Regen lebt und somit die empfindlichsten Teile nach oben schickt, denn dort fallen die Nahrungsmittel zu erst hin. Die empfindlichsten Teile vom Baum – also die Blätter – müssen dagegen geschützt werden und das macht man am besten unter einem dicken Schutzschild: der Erde.
Er würde dann noch etwas wissenschaftlicher werden und irgendwas mit Chlorophyll und Harz erzählen, um es authentischer zu machen.
Und ich? Ich sitze mit großen, staunenden Augen daneben und versuche mir den Kopfsteherbaum vorzustellen. Am nächsten Tag würde ich zu einem Leute gehen und ihm von dem Kopfsteherbaum erzählen. Und wenn er mir nicht glauben würde, wäre ich furchtbar erbost über seine Uneinsichtigkeit.

Der Einzige, der mit den Zahn wieder ziehen kann, wäre Mannmann selbst. Der amüsiert sich bis dahin aber köstlich über mich und lacht sich bei der Aufklärung immer einen Ast ab.
Laut meiner Schwägerin liebt er mein Gesicht, dass ich während der Geschichte und vor allem bei der Aufklärung zu machen pflege. Ich bin nämlich eine talentierte Grimassenschneiderin – auch wenn ich das eher unbeabsichtigt mache.

Genau so – aber bei weitem nicht so heftig – funktioniert das auch bei jeden anderen Menschen.
Wenn mir Frau X zum tausensten Mal erzählt, dass sie ihre Tabletten verloren hat oder ihre Tasche geklaut hat, dann stelle ich ihr leichtgläubig ein neues Rezept aus. Gut, wenn hier weniger leichtgläubige Kollegen eingreifen. Wenn jemand was erzählt, was alle anderen tierisch aufregt, weil das eine olle Angebernase ist, dann verstehe ich meist nicht wieso, weil ich nur die Erzählung sehe und nicht zwischen den Zeilen lesen kann. Lügen, Halbwahrheiten? ja, ich weiß das es so etwas gibt. Aber ich sehe mich instinktiv nie als Betroffene. Das braucht schon gehörig Denkarbeit meinerseits bis ich misstrauisch werde. Insbesondere wenn die Geschichten aus vertrauenswürdigen Quellen – wie meine Mutter, Freunde, Familie und so – kommen.

Ähnlich ergeht es mir mit Nachrichten, Blogs und co. Verwirrend wird es vor allem, wenn zwei Quellen über ein und die selbe Sache vollkommen unterschiedlich berichten. Ich will nämlich immer beiden glauben – und nicht immer lässt sich das vereinbaren. In der Regel bekomme ich dann Kopfschmerzen.

Ein wenig begründet sich dadurch meine Paranoia. Naivchen sein und es nicht merken ist wesentlich einfacher als Naivchen sein und durch die Reaktion der anderen Leute feststellen, dass man mal wieder viel zu vertrauenswürdig war.
Als Letztes fängt man dann nämlich an zu hinterfragen. Und zwar ständig. Man neigt dazu, bei jedem das gute zu sehen und hinterfragt, ob es nicht doch bitterböse gemeint war. Dadurch weiß man erst recht nicht mehr, was man glauben soll und was nicht. Wenn Müpfi sagt, dass sie mich voll lieb hab… gelogen oder nicht? Wenn die Bessere meint, ich kann voll gut schreiben… gelogen oder nicht? Wenn Mannmann sagt, ich sei süß… gelogen oder nicht? Wenn der Spiegel schreibt, die Flüchtlingskrise sei beendet… gelogen oder nicht? Mein Instinkt sagt nicht gelogen, mein Verstand sagt gelogen, mein Bauchgefühl summt Tetris.
Erfahrungsgemäß treffe ich oft genug nicht die richtige Wahl. Da habe ich etwas als Lüge klassifiziert, was voll ernst gemeint war und andersherum. Darum schwanke ich gerne von ein Extrem in das Nächste. So glaube ich ein paar Tage lang jeden alles und wenn er behauptet, es regnet U-Boote vom Himmel, und dann wieder unterstelle ich jedem, dass er mich anlügt. An Sicherheit fehlt es aber so oder so komplett.

Und ich selbst?
Wenn es drauf ankommt, dann kann ich nicht lügen. Ich platze regelrecht mit der Wahrheit und mit nichts anderem als der reinen Wahrheit heraus. Selbst wenn die (Not)Lüge die bessere Wahl gewesen sei. So sagte ich D-Mann #1 er sehe mit seiner neuen Brille voll idiotisch aus, anstatt feinfühlig zu loben, denn er tat sich schwer damit, nun zu den Brillenträgern zu gehören. Als mein Bruder das erste mal einen verhassten Anzug anziehen musste? „Siehst du bescheuert aus!“ anstatt „Wow, der steht dir!“ zu sagen.
Notlügen, Halbwahrheiten und echte Lügen kommen daher nur, wenn ich wirklich lange und ausführlich darüber nachdenken konnte und dann sind sie nicht schlüssig oder glaubwürdig. Klappen tut das nur, wenn ich die Lüge selber glaube.

Wenn WMF also fragt, wie es mit der Wahrheit bei mir im Blog aussieht, dann so:
Ich schreibe nur, was sich selber glaube, gemixt mit der einen oder anderen Minilüge, die aber niemanden schadet und letztlich nur der Anonymität dient.

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Ein Gedanke zu “Ich, das Naivchen

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