Fundstück: Was wäre wenn?

Ja was wäre, wenn Mannmann und ich doch Kinder bekommen würden?

Aktuell sieht es ja so aus, dass wir niemals Welche haben wollen. Er, weil er es verantwortungslos findet, in diese verkorkste Welt noch Kinder reinzusetzen und ich, weil ich Kinder in fast jeder Altersstufe entweder ausdrücklich hasse (5 Jahre bis irgendwann nach der Pubertät), tot langweilig finde (Neugeboren bis ca. 8 Monate) und mir jeglicher Mutterinstinkt fehlt (jedes Alter). Bevor das falsch verstanden wird:
Ich hab genug Neugeborene, Babys und dergleichen gesehen – dank Job, Familie und Freunde – und denke mir jedes Mal: Ah. Ein Baby. Okay. Weitermachen mit der Arbeit. und danach Alter was MACHEN die Weiber da alle? Dieses ganze „Oooooh ich wills HOOOCHNEHMEN!“ oder „Awwww wie süß, darf ichs halten?“ oder „Gutschigutschiku!“ kommt bei mir nämlich nie auf. Wenn man mich fragt, ob ichs Baby mal halten will, ist meine erste Reaktion immer: Neeee lass ma! IIIIH NIMMS WEG! NIMMS WEG IS EKLIG ICH WILLS NICHT! – eklig ist dabei nicht das Baby (so verkorkst bin ich nicht) sondern die Sabber. Oder Stinkewindel. Halt so Sachen, die ein Baby nun mal macht. Da für kann es ja nichts und ich mache ihm auch keinen Vorwurf. Und wenn es mal sein muss, dann halte ich auch das Baby. Ehrlich. Aber dann halte ich es. Und starre Mama/Papa/Andere an, auf dass sie es mir wieder wegnehmen. Schuckeln, blabbern oder Gutschigutschiku mache ich nicht. Echt jetzt? Was soll denn das Baby von mir denken, wenn ich das mache?!
Ab 5 Jahre verspüre ich nebenbei primär Angst (ja Angst!) vor den Kindern, was sich recht schnell in Aggression verliert. Diese Reaktion beschleunigt sich proportional zur Anzahl der anwesenden Kinder, Jugendlichen usw. Ich habe dann den ausdrücklichen Wunsch die entsprechenden Gören zu verprügeln, treten, beißen und psychisch fertig zu machen. Das mache ich natürlich nicht, ich lasse sie so schnell wie möglich hinter mir. Ich weiß sehr genau, woher das kommt und sehe da wenig Chancen diese Entwicklung noch entgegen zu wirken.
Entspannen tue ich mir dann erst wieder, wenn das „Kind“ bereits ausgewachsen ist und halbwegs vernünftig handelt. Also irgendwann nach der Pubertät.
Bei Kinder zwischen 8 Monaten und 5 Jahren wird es dann nebenbei kompliziert: wenn sie gerade anfangen auf ihre Umwelt zu reagieren, da hab ich Spaß. Ich schneide furchtbar gerne Grimassen (wenn keiner hinschaut), kann das aber echt nicht gut. Den Würmern ist das aber egal, die freuen sich trotzdem über die komische Tante.
Leider verwächst sich das wieder. In der Fremdelphase sind mir Kinder dann wieder egal, in der Grenzenaustestphase bin ich furchtbar genervt und ich der Jeden-Scheiß-Fragen-Phase bin ich voll die Erklärtante. Aber: ich muss quasi gar nicht überlegen, in welcher Phase das Kind nun steckt. Unsere Gefühle sind stets gegenseitig. Das Fremdelkind meidet mich sowieso, das Fragkind fragt mir einen Loch in den Kopf und das Grenzenaustestkind sieht mich an und fängt an zu heulen. Nur bei mir. Ich muss es nur ansehen, schon gehts los. Bei allen anderen (auch fremden) Menschen ist es voll Feuer und Flamme und testet halt seine Grenzen aus.

So 100% kaputt ist mein Mutterinstinkt aber nicht. Haltet mir einen Welpen, einen Hirsch, einen Wolf, einen weißen Hai oder irgendwas anderes Niedliches vor die Nase und es geht los mit OOOOOOOH ICH WILLS HOCHNEHMEN! DARFICHDARFICHDARFICHDARFICDARFICH? OOOOH SÜSS ICH WILLS BEHALTEN, GEB ICH NIE WIEDER HER… GUTSCHIGUTSHCIKU!. Kein Plan was bei mir schief gelaufen ist. ¯\_(ツ)_/¯

Nachdem ich nun ausdrücklichst und ausführlichst erklärt habe, warum bei uns kein Kind ins Haus kommt…
Was wäre, wenn DOCH?

Man muss dazu sagen, dass Mannmann furchtbar ordentlich ist. Da hat alles seinen Platz, aus der Reihe tanzende Dinge nerven ihn furchtbar und alles muss schön gerade und geordnet sein.
Ich dagegen bin das wandelnde Chaos. Ich mach Dinge dreckig und unordentlich, ohne das ich sie berühre. Betrete ich einen klinisch reinen Raum, liegt 1 Minute später garantiert überall Staub.
Man stelle sich nun vor, dass diese beiden… ärhm… „Fähigkeiten“ in einem Kind vereint sind. Man stelle sich vor, das Kind würde tatsächlich erwachsen werden (nicht wegen seiner labilen Mutter, sondern wegen deren Erbgut der Tollpatschigkeit). Es würde sogar ALT werden. Und ist dann bei Leuten zu Gast. Und dann ist da… ach schaut euch einfach das Video an. 😀

PS:
Mannmanns Erbgut sorgt für die unpassende Musik. Bei mir persönlich würde Der Ritt der Valkyren laufen. 😀

Advertisements

Ich, das Naivchen

Mannmann hat ein Hobby. Dieses nennt sich „Tucktuck verarschen“. Tucktuck – das bin ich. Und ich lasse mich immer sehr gut verarschen.

Wenn Mannmann mir Dinge erklärt, dann glaube ich ihm das. Jedes einzelne Wort. Mir kommt nicht mal in den Sinn, dass er gerade lügt. Höchstens, dass er sich irrt – das kommt aber nur dann vor, wenn ich es mal besser weiß. Darum sucht sich Mannmann immer Themen aus, wo das definitiv nicht der Fall ist. Und ehrlich: da hat er VIEL Auswahl, denn mit meiner Allgemeinbildung ist es nicht weit und die, die ich hab, konzentriert sich auf die wenigen Dinge, die mich mal interessieren.

Ein genaues Beispiel kann ich nun nicht nennen, aber nehmen wir mal ein Beispielbeispiel.
Mannmann erklärt mir, dass Bäume verkehrt herum wachsen. Also die Krone eigentlich die Wurzel und die Wurzel eigentlich die Krone ist. Da ich es hier eigentlich besser weiß, würde ich darauf nicht hereinfallen, aber nehmen wir mal an, dass ich noch NIE einen Baum gesehen habe. In meinem ganzen Leben nicht. Und auch andere baumähnliche Konstrukte – wie Blumen, Sträucher und anderes Gebüsch – sind mir vollkommen fremd.
Mannmann würde erklären, dass die Wurzeln oben sind, weil ein Baum hauptsächlich von Sonne und Regen lebt und somit die empfindlichsten Teile nach oben schickt, denn dort fallen die Nahrungsmittel zu erst hin. Die empfindlichsten Teile vom Baum – also die Blätter – müssen dagegen geschützt werden und das macht man am besten unter einem dicken Schutzschild: der Erde.
Er würde dann noch etwas wissenschaftlicher werden und irgendwas mit Chlorophyll und Harz erzählen, um es authentischer zu machen.
Und ich? Ich sitze mit großen, staunenden Augen daneben und versuche mir den Kopfsteherbaum vorzustellen. Am nächsten Tag würde ich zu einem Leute gehen und ihm von dem Kopfsteherbaum erzählen. Und wenn er mir nicht glauben würde, wäre ich furchtbar erbost über seine Uneinsichtigkeit.

Der Einzige, der mit den Zahn wieder ziehen kann, wäre Mannmann selbst. Der amüsiert sich bis dahin aber köstlich über mich und lacht sich bei der Aufklärung immer einen Ast ab.
Laut meiner Schwägerin liebt er mein Gesicht, dass ich während der Geschichte und vor allem bei der Aufklärung zu machen pflege. Ich bin nämlich eine talentierte Grimassenschneiderin – auch wenn ich das eher unbeabsichtigt mache.

Genau so – aber bei weitem nicht so heftig – funktioniert das auch bei jeden anderen Menschen.
Wenn mir Frau X zum tausensten Mal erzählt, dass sie ihre Tabletten verloren hat oder ihre Tasche geklaut hat, dann stelle ich ihr leichtgläubig ein neues Rezept aus. Gut, wenn hier weniger leichtgläubige Kollegen eingreifen. Wenn jemand was erzählt, was alle anderen tierisch aufregt, weil das eine olle Angebernase ist, dann verstehe ich meist nicht wieso, weil ich nur die Erzählung sehe und nicht zwischen den Zeilen lesen kann. Lügen, Halbwahrheiten? ja, ich weiß das es so etwas gibt. Aber ich sehe mich instinktiv nie als Betroffene. Das braucht schon gehörig Denkarbeit meinerseits bis ich misstrauisch werde. Insbesondere wenn die Geschichten aus vertrauenswürdigen Quellen – wie meine Mutter, Freunde, Familie und so – kommen.

Ähnlich ergeht es mir mit Nachrichten, Blogs und co. Verwirrend wird es vor allem, wenn zwei Quellen über ein und die selbe Sache vollkommen unterschiedlich berichten. Ich will nämlich immer beiden glauben – und nicht immer lässt sich das vereinbaren. In der Regel bekomme ich dann Kopfschmerzen.

Ein wenig begründet sich dadurch meine Paranoia. Naivchen sein und es nicht merken ist wesentlich einfacher als Naivchen sein und durch die Reaktion der anderen Leute feststellen, dass man mal wieder viel zu vertrauenswürdig war.
Als Letztes fängt man dann nämlich an zu hinterfragen. Und zwar ständig. Man neigt dazu, bei jedem das gute zu sehen und hinterfragt, ob es nicht doch bitterböse gemeint war. Dadurch weiß man erst recht nicht mehr, was man glauben soll und was nicht. Wenn Müpfi sagt, dass sie mich voll lieb hab… gelogen oder nicht? Wenn die Bessere meint, ich kann voll gut schreiben… gelogen oder nicht? Wenn Mannmann sagt, ich sei süß… gelogen oder nicht? Wenn der Spiegel schreibt, die Flüchtlingskrise sei beendet… gelogen oder nicht? Mein Instinkt sagt nicht gelogen, mein Verstand sagt gelogen, mein Bauchgefühl summt Tetris.
Erfahrungsgemäß treffe ich oft genug nicht die richtige Wahl. Da habe ich etwas als Lüge klassifiziert, was voll ernst gemeint war und andersherum. Darum schwanke ich gerne von ein Extrem in das Nächste. So glaube ich ein paar Tage lang jeden alles und wenn er behauptet, es regnet U-Boote vom Himmel, und dann wieder unterstelle ich jedem, dass er mich anlügt. An Sicherheit fehlt es aber so oder so komplett.

Und ich selbst?
Wenn es drauf ankommt, dann kann ich nicht lügen. Ich platze regelrecht mit der Wahrheit und mit nichts anderem als der reinen Wahrheit heraus. Selbst wenn die (Not)Lüge die bessere Wahl gewesen sei. So sagte ich D-Mann #1 er sehe mit seiner neuen Brille voll idiotisch aus, anstatt feinfühlig zu loben, denn er tat sich schwer damit, nun zu den Brillenträgern zu gehören. Als mein Bruder das erste mal einen verhassten Anzug anziehen musste? „Siehst du bescheuert aus!“ anstatt „Wow, der steht dir!“ zu sagen.
Notlügen, Halbwahrheiten und echte Lügen kommen daher nur, wenn ich wirklich lange und ausführlich darüber nachdenken konnte und dann sind sie nicht schlüssig oder glaubwürdig. Klappen tut das nur, wenn ich die Lüge selber glaube.

Wenn WMF also fragt, wie es mit der Wahrheit bei mir im Blog aussieht, dann so:
Ich schreibe nur, was sich selber glaube, gemixt mit der einen oder anderen Minilüge, die aber niemanden schadet und letztlich nur der Anonymität dient.

Ich, der Kontrollfreak

In der Zeit, in der ich nicht bloggen konnte, sind viele Erkenntnisse auf mich eingestürmt. Man hat ja Zeit so in der Arbeitsunfähigkeit und kann mehr nachdenken und grübeln, als gut für einen ist. Aber hier war es dann ein Fragebogen, den ich zusammen mit meinem Psychodoc ausgefüllt habe.
Psychodoc wollte gerne wissen, wie tief und welche Ängste genau in mir stecken. Neben Soziophobie macht sich in mir scheinbar auch noch die Agoraphobie breit. Diese allerdings deutlich weniger ausgebildet und kommt immer dann zum Vorschein, wenn entweder zu viele oder gar keine Menschen da sind. Tja, recht machen kann man mir nicht. Ging noch nie.

Die dritte Angst – ja, ich hab so richtig in den Scheißetopf gegriffen – war dann die „Angst um andere ihre Sicherheit“. Hier stutzte dann mein Doc und fragte genauer nach. Die Symptome bei den drei Phobien waren nahe zu identisch – halt mal stärker und mal geringer ausgeprägt, je nach Situation. Dadurch kamen wir wiederum darauf, dass alle meine Ängste mit Kontrollverlust zusammenhängen.

Beispiel:
Nehmen wir mal den soziophoben Part. Ich versuche mit einem Menschen zu sprechen und ihm klar zu machen, was mir nicht passt. Um mir Sicherheit zu geben, habe ich – wie viele Menschen auch – das Gespräch ausführlich geübt. Sowohl gedanklich als auch verbal. Ich habe versucht jedes Gegenargument zu erdenken, was das Gegenüber finden könnte, habe diese fachmännisch auseinander gestülpt, zerlegt, gehäckselt und verspeißt. Ich gehe in dieses Gespräch also gut vorbereitet. Natürlich bin ich trotzdem nervös, denn ich stehe ja in der ungeteilten Aufmerksamkeit. Er sieht mich, schaut mich an. Sind die Haare ordentlich? Hab ich einen Fleck da irgendwo? Sind meine Schuhe sauber? Hab ich nen Popel an der Nase? Essensreste zwischen den Zähnen? Scheiße ich hab mein Text und meinen Spieckzettel vergessen. Was wollte ich nochmal? Worum ging es?
Ja – Lampenfieber³. Ich atme also tief durch, sehe gezielt meinen Gesprächspartner nicht an – das ist mir extrem unangenehm, ich denke dann ich würde starren und denke drüber nach, was mein Gegenüber denkt, wenn er denkt, dass ich starre und was das für Auswirkungen hat – und lege los mit „Guten Tag.“ und dann sagt er „Guten Morgen.“ und dann… ist es vorbei. In meiner ganzen Übung habe ich nicht bedacht, dass er guten Morgen sagen könnte. Was Antworte ich nun darauf? Immerhin hab ich Tag und er morgen gesagt? Soll ich nen Scherz machen? Übergehen? Auf die Uhrzeit hinweisen? Verdammt es ist ja wirklich noch morgen? Ääääh… scheiße.
Und schon bin ich aus den Konzept. Und dann ist alles hinfällig. In der Regel gehe ich daher aus meiner Sicht als Verlierer aus der Situation, da ich weder das sagen konnte, was ich wollte noch erreicht habe, was ich erreichen müssen. Einfach und allein weil mein Gegenüber nicht das sagt, von dem ich dachte, dass er es sagt. Ich habe damit vollkommen die Kontrolle verloren.
Fairer Weise: Es scheitert in der Regel NICHT an der Begrüßung, sondern direkt beim ersten Argument vom Gegenüber. Denen fallen nämlich immer Sachen ein, wo ich im Traum nicht dran gedacht hab und entsprechend nicht vorbereitet war. Man könnte meinen, dass hier eine bessere Vorbereitung helfen könnte – und das stimmt auch – aber das bringt mir alles nichts, wenn die nicht MEINE Argumente nehmen. Ihr versteht?
Die Idee mit jemand zweiten zu üben klappt auch nicht. Weil ich muss mich ja auf die Übung vorbereiten. Also alle Argumente vorbereiten und so – jedes Mal ein Desaster. Und dann habe ich vielleicht mehr Argumente, auf die ich vorbereitet bin – aber dieses Arsch von Gegenüber nimmt trotzdem eines, an das sonst keine Sau denkt. Das ist wie… „Lass uns mal die andere Wasser mit Sprudel-Sorte in blauen Einheitslook da probieren!“ „Die Federn sind zu bunt!“ „????“

Den Agorapart – na das ist einfach. Zu viele Menschen die man in Blick – unter Kontrolle halten muss – oder keine Menschen – niemanden an den man sich kontrollieren kann. Das Beispiel war hier nebenbei Straßenbahn: Sie sie voll, ist mir das hochgradig unangenehm (soziophob), ist sie komplett leer (also nur ich) ist mir das genauso unangenehm. In beiden Fällen bekomme ich Herzklopfen, Schweißausbruch, Zittern, Beklemmungsgefühle, hyperventilliere und so weiter und so fort. Während die Gedanken im ersten Fall klar sind, geht es im zweiten um „bin ich im richtigen Zug? Was ist, wenn der gleich aufs Abstellgleis kommt? Wenn der wo anders hinfährt? AAAAAAAAH!“
Am besten geht es mir, wenn mein direkter Dunstkreis frei ist (bei Zweisitzsreihen der Nachbarsitz, bei vierer Plätzen die drei anderen, bei seitlichen Klappstühlen die beiden direkten Nachbarteile – besser noch insgesamt 4 Plätze, also zwei auf jeder Seit – wobei ich mich wenn möglich immer an eine Ecke setze, damit sich da niemand hinsetzen kann) und der Rest moderat gefüllt ist. Gerade so voll, dass jemand, der noch dazu steigt, nicht auf die Idee kommt, einen „meiner“ Plätze zu nehmen. Dann hab ich nur noch Angst, dass der Zug irgendwo hinfährt, wo ich nicht hin will (was mir nebenbei noch NIE passiert ist, sieht man mal von den einen mal ab, wo ich den Umstieg verschlafen habe) und das lässt sich durch ständige Kontrolle alle Anzeigetafeln in Blickweite (im besten Fall auf dem Gleis und im Zug) recht gut unter Kontrolle halten.

Der dritte Part sieht dann so aus:
Fährt Mannmann mit mir eine weiter Strecke, ist meistens alles gut. Fährt Mannmann die selbe Strecke alleine, schwitze ich zu Hause Blut und Wasser und bekomme Heulkrämpfe, weil ich denke,das er gerade tot irgendwo rumliegt. Das kann nur durch eine „bin da“-Nachricht erlöst werden. Es reicht auch ein Punkt. Ein kurzes Anklingeln. Irgendwas, was mir nur zeigt: Es lebt.
Hintergrund: Wenn wir zusammenfahren, habe ich ihn unter Kontrolle. Wenn er einen Unfall baut, gehe ich mit Hopps. Alles ist gut. Aber wenn er alleine ist, dann bemerke ich das ja nicht. Vielleicht erst Stunden, Tage, WOCHEN, MONATE, JAAAAAAAAAAAAHRE später? OMFG! Einmal bin ich spät nachts sogar in seine Wohnung rübergekleckert, weil ich auf den Trichter kam, das er ja im Schlaf sterben könnte und hab geschaut, ob er noch atmet.
Oder als sich mal der eine oder andere WoW-Freund nicht meldete (so ein Tag mal)… HORROR! HOOOORROR! Ich seh sie alle direkt im Grab. Das schöne ist: wenn sie sich dann irgendwie bemerkbar machen (im Zweifelsfall reicht auch eine Onlineanzeige bei Whats-Up oder ehemals graue Häckchen, die blau sind oder in Hangouts ein userbildchen, das die letzten 3.000 Paniknachrichten übersprungen und nun ganz unten ist (selbe Funktion wie blaue Häckchen)), ist die Erleichterung jedes mal soooooo schön. Ich freue mich ungefähr so wie ein kleines Kind, dem ganz allein eine Schokoladentorte gehört. Was nebenbei die Bekämpfung der Phobie nicht gut tut, denn hier wird neben das „nu ist alles wieder guuuut“ auch noch das Belohnungszentrum angesprochen. Also PURE, unverfälschte Endorphine. Das macht daraus schon fast wieder ein Suchtmittel.

Ergo:
Bin ich der Meinung die Kontrolle zu verlieren, geht es mir scheiße. Und reagiere körperlich extrem darauf.
Bin ich der Meinung die Kontrolle zu haben, geht es mir aber trotzdem nicht gut. Weil das zu… hrm, wie sage ich das am Besten, anstrengend… arbeitsaufwendig ist? Sprich ich muss dann neben anderen Tätigkeiten auch noch ständig schauen, ob alles so läuft, wie ich mir das wünsche. Stäääändig. Denn wenn ich nicht hinschaue, könnte ich die Kontrolle ja verlieren! Ich kann nicht entspannen und ständig unter Strom stehen ist nicht gesund.
Was ich lernen muss:
Die Kontrolle bewusst los zulassen. Was schwer ist, weil ich den ganzen Vorgang nicht bewusst wahrnehme. Ich handele, agiere und reagiere danach – aber das läuft komplett unbewusst ab. Und dann muss ich lernen, die Kontrolle so weit abzugeben, dass es nicht direkt zu unangenehm wird und ich so lernen kann, dass „Kontrolle nicht haben“ auch ganz angenehm sein kann. Würde ich noch öfter Zug fahren, wäre das nebenbei recht „einfach“:
Einmal auf die Tafeln schauen, in Zug gehen, nächsten halbwegs netten Menschen suchen und fragen, ob dies der Zug nach X ist. Wenn dieser „ja“ sagt, so setzen, dass ich die Anzeigen erst mal nicht mehr in Blick habe und ausharren, bis der Zug losfährt. Dann habe ich die Kontrolle an den armen Tropf abgegeben, der da „ja“ sagte und lerne – sofern er nicht gelogen der sich geirrt hat – das es ja angenehm sein kann, wenn man nicht hektisch ständig zwischen allen Anzeigen schaut.
Blöder Weise fahre ich kaum noch Zug. Da fehlen einen oft die Übungsmöglichkeiten und die spontanen passen hier nicht,da hier wiederum das Bewusstsein dafür fehlt. Sehr ärgerlich.