Ich, der Kontrollfreak

In der Zeit, in der ich nicht bloggen konnte, sind viele Erkenntnisse auf mich eingestürmt. Man hat ja Zeit so in der Arbeitsunfähigkeit und kann mehr nachdenken und grübeln, als gut für einen ist. Aber hier war es dann ein Fragebogen, den ich zusammen mit meinem Psychodoc ausgefüllt habe.
Psychodoc wollte gerne wissen, wie tief und welche Ängste genau in mir stecken. Neben Soziophobie macht sich in mir scheinbar auch noch die Agoraphobie breit. Diese allerdings deutlich weniger ausgebildet und kommt immer dann zum Vorschein, wenn entweder zu viele oder gar keine Menschen da sind. Tja, recht machen kann man mir nicht. Ging noch nie.

Die dritte Angst – ja, ich hab so richtig in den Scheißetopf gegriffen – war dann die „Angst um andere ihre Sicherheit“. Hier stutzte dann mein Doc und fragte genauer nach. Die Symptome bei den drei Phobien waren nahe zu identisch – halt mal stärker und mal geringer ausgeprägt, je nach Situation. Dadurch kamen wir wiederum darauf, dass alle meine Ängste mit Kontrollverlust zusammenhängen.

Beispiel:
Nehmen wir mal den soziophoben Part. Ich versuche mit einem Menschen zu sprechen und ihm klar zu machen, was mir nicht passt. Um mir Sicherheit zu geben, habe ich – wie viele Menschen auch – das Gespräch ausführlich geübt. Sowohl gedanklich als auch verbal. Ich habe versucht jedes Gegenargument zu erdenken, was das Gegenüber finden könnte, habe diese fachmännisch auseinander gestülpt, zerlegt, gehäckselt und verspeißt. Ich gehe in dieses Gespräch also gut vorbereitet. Natürlich bin ich trotzdem nervös, denn ich stehe ja in der ungeteilten Aufmerksamkeit. Er sieht mich, schaut mich an. Sind die Haare ordentlich? Hab ich einen Fleck da irgendwo? Sind meine Schuhe sauber? Hab ich nen Popel an der Nase? Essensreste zwischen den Zähnen? Scheiße ich hab mein Text und meinen Spieckzettel vergessen. Was wollte ich nochmal? Worum ging es?
Ja – Lampenfieber³. Ich atme also tief durch, sehe gezielt meinen Gesprächspartner nicht an – das ist mir extrem unangenehm, ich denke dann ich würde starren und denke drüber nach, was mein Gegenüber denkt, wenn er denkt, dass ich starre und was das für Auswirkungen hat – und lege los mit „Guten Tag.“ und dann sagt er „Guten Morgen.“ und dann… ist es vorbei. In meiner ganzen Übung habe ich nicht bedacht, dass er guten Morgen sagen könnte. Was Antworte ich nun darauf? Immerhin hab ich Tag und er morgen gesagt? Soll ich nen Scherz machen? Übergehen? Auf die Uhrzeit hinweisen? Verdammt es ist ja wirklich noch morgen? Ääääh… scheiße.
Und schon bin ich aus den Konzept. Und dann ist alles hinfällig. In der Regel gehe ich daher aus meiner Sicht als Verlierer aus der Situation, da ich weder das sagen konnte, was ich wollte noch erreicht habe, was ich erreichen müssen. Einfach und allein weil mein Gegenüber nicht das sagt, von dem ich dachte, dass er es sagt. Ich habe damit vollkommen die Kontrolle verloren.
Fairer Weise: Es scheitert in der Regel NICHT an der Begrüßung, sondern direkt beim ersten Argument vom Gegenüber. Denen fallen nämlich immer Sachen ein, wo ich im Traum nicht dran gedacht hab und entsprechend nicht vorbereitet war. Man könnte meinen, dass hier eine bessere Vorbereitung helfen könnte – und das stimmt auch – aber das bringt mir alles nichts, wenn die nicht MEINE Argumente nehmen. Ihr versteht?
Die Idee mit jemand zweiten zu üben klappt auch nicht. Weil ich muss mich ja auf die Übung vorbereiten. Also alle Argumente vorbereiten und so – jedes Mal ein Desaster. Und dann habe ich vielleicht mehr Argumente, auf die ich vorbereitet bin – aber dieses Arsch von Gegenüber nimmt trotzdem eines, an das sonst keine Sau denkt. Das ist wie… „Lass uns mal die andere Wasser mit Sprudel-Sorte in blauen Einheitslook da probieren!“ „Die Federn sind zu bunt!“ „????“

Den Agorapart – na das ist einfach. Zu viele Menschen die man in Blick – unter Kontrolle halten muss – oder keine Menschen – niemanden an den man sich kontrollieren kann. Das Beispiel war hier nebenbei Straßenbahn: Sie sie voll, ist mir das hochgradig unangenehm (soziophob), ist sie komplett leer (also nur ich) ist mir das genauso unangenehm. In beiden Fällen bekomme ich Herzklopfen, Schweißausbruch, Zittern, Beklemmungsgefühle, hyperventilliere und so weiter und so fort. Während die Gedanken im ersten Fall klar sind, geht es im zweiten um „bin ich im richtigen Zug? Was ist, wenn der gleich aufs Abstellgleis kommt? Wenn der wo anders hinfährt? AAAAAAAAH!“
Am besten geht es mir, wenn mein direkter Dunstkreis frei ist (bei Zweisitzsreihen der Nachbarsitz, bei vierer Plätzen die drei anderen, bei seitlichen Klappstühlen die beiden direkten Nachbarteile – besser noch insgesamt 4 Plätze, also zwei auf jeder Seit – wobei ich mich wenn möglich immer an eine Ecke setze, damit sich da niemand hinsetzen kann) und der Rest moderat gefüllt ist. Gerade so voll, dass jemand, der noch dazu steigt, nicht auf die Idee kommt, einen „meiner“ Plätze zu nehmen. Dann hab ich nur noch Angst, dass der Zug irgendwo hinfährt, wo ich nicht hin will (was mir nebenbei noch NIE passiert ist, sieht man mal von den einen mal ab, wo ich den Umstieg verschlafen habe) und das lässt sich durch ständige Kontrolle alle Anzeigetafeln in Blickweite (im besten Fall auf dem Gleis und im Zug) recht gut unter Kontrolle halten.

Der dritte Part sieht dann so aus:
Fährt Mannmann mit mir eine weiter Strecke, ist meistens alles gut. Fährt Mannmann die selbe Strecke alleine, schwitze ich zu Hause Blut und Wasser und bekomme Heulkrämpfe, weil ich denke,das er gerade tot irgendwo rumliegt. Das kann nur durch eine „bin da“-Nachricht erlöst werden. Es reicht auch ein Punkt. Ein kurzes Anklingeln. Irgendwas, was mir nur zeigt: Es lebt.
Hintergrund: Wenn wir zusammenfahren, habe ich ihn unter Kontrolle. Wenn er einen Unfall baut, gehe ich mit Hopps. Alles ist gut. Aber wenn er alleine ist, dann bemerke ich das ja nicht. Vielleicht erst Stunden, Tage, WOCHEN, MONATE, JAAAAAAAAAAAAHRE später? OMFG! Einmal bin ich spät nachts sogar in seine Wohnung rübergekleckert, weil ich auf den Trichter kam, das er ja im Schlaf sterben könnte und hab geschaut, ob er noch atmet.
Oder als sich mal der eine oder andere WoW-Freund nicht meldete (so ein Tag mal)… HORROR! HOOOORROR! Ich seh sie alle direkt im Grab. Das schöne ist: wenn sie sich dann irgendwie bemerkbar machen (im Zweifelsfall reicht auch eine Onlineanzeige bei Whats-Up oder ehemals graue Häckchen, die blau sind oder in Hangouts ein userbildchen, das die letzten 3.000 Paniknachrichten übersprungen und nun ganz unten ist (selbe Funktion wie blaue Häckchen)), ist die Erleichterung jedes mal soooooo schön. Ich freue mich ungefähr so wie ein kleines Kind, dem ganz allein eine Schokoladentorte gehört. Was nebenbei die Bekämpfung der Phobie nicht gut tut, denn hier wird neben das „nu ist alles wieder guuuut“ auch noch das Belohnungszentrum angesprochen. Also PURE, unverfälschte Endorphine. Das macht daraus schon fast wieder ein Suchtmittel.

Ergo:
Bin ich der Meinung die Kontrolle zu verlieren, geht es mir scheiße. Und reagiere körperlich extrem darauf.
Bin ich der Meinung die Kontrolle zu haben, geht es mir aber trotzdem nicht gut. Weil das zu… hrm, wie sage ich das am Besten, anstrengend… arbeitsaufwendig ist? Sprich ich muss dann neben anderen Tätigkeiten auch noch ständig schauen, ob alles so läuft, wie ich mir das wünsche. Stäääändig. Denn wenn ich nicht hinschaue, könnte ich die Kontrolle ja verlieren! Ich kann nicht entspannen und ständig unter Strom stehen ist nicht gesund.
Was ich lernen muss:
Die Kontrolle bewusst los zulassen. Was schwer ist, weil ich den ganzen Vorgang nicht bewusst wahrnehme. Ich handele, agiere und reagiere danach – aber das läuft komplett unbewusst ab. Und dann muss ich lernen, die Kontrolle so weit abzugeben, dass es nicht direkt zu unangenehm wird und ich so lernen kann, dass „Kontrolle nicht haben“ auch ganz angenehm sein kann. Würde ich noch öfter Zug fahren, wäre das nebenbei recht „einfach“:
Einmal auf die Tafeln schauen, in Zug gehen, nächsten halbwegs netten Menschen suchen und fragen, ob dies der Zug nach X ist. Wenn dieser „ja“ sagt, so setzen, dass ich die Anzeigen erst mal nicht mehr in Blick habe und ausharren, bis der Zug losfährt. Dann habe ich die Kontrolle an den armen Tropf abgegeben, der da „ja“ sagte und lerne – sofern er nicht gelogen der sich geirrt hat – das es ja angenehm sein kann, wenn man nicht hektisch ständig zwischen allen Anzeigen schaut.
Blöder Weise fahre ich kaum noch Zug. Da fehlen einen oft die Übungsmöglichkeiten und die spontanen passen hier nicht,da hier wiederum das Bewusstsein dafür fehlt. Sehr ärgerlich.

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